starblog

articles

Non dubito, quin verum dicas

April 28, 2013

Am Freitag letzter Woche wurde die Gabelsbergerstrasse in Silvio-Meier-Strasse unbenannt. Diesem Akt waren langjaehrige Forderungen verschiedener Initiativen nach einem wuerdigen und passenden Ort fuer ein Gedenken an den 1992 von Faschisten ermordeten Silvio Meier vorausgegangen. Die Silvio-Meier-Strasse liegt in unmittelbarer Naehe des letzten Wohnortes Silvio Meiers und seinem Arbeitsplatz in der Schreinerstrasse und dem Tatort U-Bahnhof Samariterstrasse. Sie befindet sich also an seinem unmittelbaren Lebensmittelpunkt und kann durchaus als passend und wuerdig bezeichnet werden. Ebnfalls dem Anlass angemessen und wuerdig waren die Worte, welche die ehemalige Lebensgefaehrtin Silvios und ein aelterer Herr, der dazu aufrief, den Faschisten keinen Millimeter Friedrichshains zu ueberlassen, waehrend der Veranstatltung fanden. Leider gibt es seit geraumer Zeit auch eine weniger wuerdige Diskussion um die geschichtliche Rolle Silvio Meiers, welche von wenigen ehemaligen DDR-Buergerrechtlern betrieben wird. Unbestritten ist sicher, dass Silvio Meier am Ende der DDR in Buergerrechtskreisen aktiv war, anarchistische Zeitungen auf Kirchenpressen druckte und vom Staat argwoehnische beaeugte Konzerte mitorganisierte. Aus diesem Grund fuehlen sich nun Einzelne aus diesem ehemaligen Umfeld berufen, sich in die Diskussion einzubringen und meinen, die Geschichte irgendwie gerade ruecken zu muessen. Die Kritik wurde laut, dass sie sich zu spaet eingebunden fuehlten und nicht ausreichend gefragt wurden. Da ja jetzt allerdings keine Veranstaltung zum Thema ohne mantrahafte Wiederholung immergleicher Thesen vergeht, ist diese Omnipraesenz nur als ausgleichende Gerechtigkeit zu verstehen. Die politische Argumentation wird auf seltsame Art in eine privatistische verwandelt. Silvio Meier waere nicht einverstanden mit der Benennung einer Strasse nach ihm und wuerde der Initiative „einen Vogel zeigen“. Dass es sich dabei nur um eine Mutmassung handelt, liegt auf der Hand. Die Argumente, die auch als verspaetete Abrechnung mit der realsozialistischen DDR verstanden werden sollen, sind so unpassend und wirken seltsam entrueckt, dass man sich schamhaft abwenden moechte. Einige Fakten aus der Biographie Silvio Meiers in der DDR werden bemueht, um die eigene Position zu untermauern. Einer Biographie, die allerdings gar nicht so untypisch ist fuer Ostberliner_innen, die sich am Ende der DDR nicht mehr der staatlichen Kontrolle beugten und sich kurze Zeit spaeter in den besetzten Haeusern und der Auseinandersetzung mit faschistischen Strassenbanden wiederfanden. Die Buergerrechtler betreiben das, was sie antifaschistischen und linken Gruppen vorwerfen: Sie instrumentalisieren die Person Silvio Meier und die Ereignisse, die zu seinem Tod fuehren. Ob gewollt oder ungewollt wird die Gewalt der Nazis mit der erfahrenen Repression in der DDR gleichgesetzt. Als Gipfel dieser Relativierung erschien in der TAZ ein Interview, in dem eine Bruecke zum in Stasihaft umgekommenden Matthias Domaschk gebaut wird.

Silvio Meier wurde nicht in oder von der DDR ermordet. Er wurde 1992 von Nazis erstochen, weil er als aktiver und ueberzeugter Antifaschist in eine Auseinandersetzung mit ihnen geraten war. In seinen letzten Lebensmonaten reflektierte Silvio Meier sehr wohl die veraenderte Lage nach der Wiedervereinigung. Eine Einsicht, die seinen ehemaligen Weggefaehrten offensichtlich fehlt. In seinem Handeln aus Linksradikaler ging er auf deutliche Distanz zu den Ex-Dissidenten, die ihre Heimat im neuen Deutschland gefunden hatten. Er wurde im Kontext der Wiedervereinigung von jugendlichen Nazis ermordet, deren nationalistisches Selbstbewusstsein unter anderem aus den Ereignisse am Ende der DDR begruendet war und die das fortsetzten, womit Buergerrechtler und Dissidenten, ob gewollt oder eher ungewollt, Jahre zuvor begannen.

Nichts und niemand darf vergessen werden. Keines der vielen Opfer faschistischer Gewalt, fuer die Silvio Meier als Symbol stehen muss. Aber auch keiner der vielen Taeter_innen, ob sie nun das Messer fuehrten, den Brandsatz warfen, von den Stammtischen oder auf der Strasse anfeuerten und unterstuetzten oder den politischen Naehrboden bereiteten.

Kein Vergeben! Kein Vergessen!