b.b.m.

Den groessten Anteil der auslaendischen Vertragsarbeiter_innen in der DDR, welche aus 39 Staaten kamen, bildeten Menschen aus der Sozialistischen Republik Vietnam.
Diese waren seit den 1970er als billige Arbeitskraefte in das Bruderland DDR geholt und geschickt worden und lebten meist isoliert in Wohnheimen.
Mit der Abwicklung der DDR-Kombinate durch die Treuhand Anfang der 1990er Jahre waren sie es, die als erste ihre bis dahin durch Staatsvertraege gesicherten Arbeitsplaetze verloren und sich selbst ueberlassen wurden.
Zusaetzlich verschaerft wurde ihre Situation durch den offenen Rassismus der Bevoelkerung der Ex-DDR und Schikanen der Behoerden, Vietnames_innen waren taeglich der doppelten Bedrohung durch Nazis und Bullen ausgeliefert.
Die Zustaende in den Wohnheimen wurden durch Ueberbelegung unertraeglich, zu den ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter_innen wurden neue Fluechtlinge in diesen untergebracht. Mehrere hundert Personen, welche sich eine Etagenkueche teilten, wurden zum Normalfall. Etwa 1995 begannen die deutschen Behoerden, die Wohnheime aufzuloesen und Vietnames_innen nach Vietnam abzuschieben. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese als Fluechling nach der Wende in das wiedervereinigte Deutschland gekommen waren oder bereits viele Jahre in der DDR lebten.
Klaus Peters Umfeld hatte zu dieser Zeit lockere und eher private Kontakte zum Freundschaftsverein ‘Reistrommel’, welcher sich um soziale und rechtliche Betreung von Vietnames_innen bemuehte. Ueber diesen kam ein Kontakt zu Bewohner_innen des Wohnheims Rhinstrasse in Lichtenberg zustande. Ein weiterer grosser Heimkomplex an der Gehrenseestrasse in Hohenschoenhausen war gerade aufgeloest worden und die Menschen von dort wurden in die ohnehin voellig ueberfuellte Rhinstrasse verfrachtet.
In dieser Situation fanden fast taeglich Razzien und Durchsuchungen durch die Polizei statt, meist auf der Suche nach Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Zigaretten ohne Steuermarke.
Ein Zimmer in diesem voellig ueberfuellten Heim kostete mehrere hundert DM Miete, eigene Kochgeraete waren verboten. Ausserdem waren viele der Fluechtlinge verschuldet, da sie fuer die Ueberfahrt nach Deutschland hoehere Summen an Schlepper zahlen mussten.
Im Sommer 1996, kurz vor Aufloesung des Heimes Rhinstrasse, eskalierten Razzien mehrfach in Krawallen. Die Bewohner_innen des Heims setzen sich gegen die Schikanen durch die Polizei mit dem Mut der Verzweiflung zur Wehr. Klaus Peters Umfeld gehoerte zu den wenigen Nichtheimbewohner_innen, welche sich einigermassen aktiv an diesen Auschreitungen beteiligten. Die uebrige Linke glaenzte durch Ignoranz.
Hier enstanden auch vermutlich die Kontakte zu einer groesseren Gruppe Vietnames_innen, welche nicht vorhatten, sich abschieben zu lassen und planten, sich illegal aus den Heimen abzusetzen.
Klaus Peter unterhielt zu dieser Zeit noch taktisch gepraegte Beziehungen in die Friedrichshainer Hausbesetzerszene und versuchte dort um Wohnraum und Aufnahme fuer die von Abschiebung bedrohten zu werben.
Erwartungsgemaess endete bei vielen Alternativprojekten die internationale Solidaritaet an der eigenen WG-Tuer und die meisten Ex-Hausbesetzer lehnten das Ansinnen ab.
Drei Hausprojekte stellten allerdings teilweise erheblichen Wohnraum zur Verfuegung.
In einem Haus noerdlich der Frankfurter Allee konnte eine gesamte Etage fuer die neuen Bewohner_innen vorgesehen werden.
Da die Wohnheime in der Rhinstrasse von eingesetzten Blockwarten und auch Zivilbeamten beobachtet wurden, musste der Umzug einigermassen dezent und geplant vollzogen werden. Dabei waren die wenigen Besitztuemer der ca. 20 Frauen und Maenner, welcher zur Umzugsgruppe gehoerten, in 3 Kleinbussen schnell transportiert.
Die Vietnames_innen wurden in mehreren Autos verteilt zum besagten Haus gefahren. Hier fand eine Art Kickoff im damals noch im Aufbau befindlichen Hauscafe statt.
Klaus Peters Umfeld versuchte den neuen Hausbewohner_innen in der ersten Zeit bei der Einrichtung und Austattung der Wohnungen behilflich zu sein.
Regelmaessige gemeinsame Abende in der trotzdem eher provisorischen Heimat folgten, allerdings waren die sprachlichen Barrieren teilweise erheblich. Als Dolmetscher musste haeufig ein aelterer Mann aushelfen, welcher bereits in den 80er Jahren aus Vietnam in die DDR gekommen war. Dieser strahlte eine gewisse Authoritaet aus und wurde von der Gruppe akzeptiert, obwohl er gar nicht bei ihnen wohnte, sondern ebenfalls ueber den Reistrommel-Verein zu ihnen gefunden hatte.
Einige der Vietnames_innen verdienten sich ihren Lebensunterhalt mit dem Verkaufen von steuerfreien Zigaretten am S-Bahnhof Pankow. Hier wurden sie von einer Bande deutscher Trunkenbolde schikaniert, welche ihnen Geld und Zigaretten stahlen und ihren Hund auf sie hetzten.
Die Rechnung ohne den Wirt gemacht zu haben hiess in diesem Fall, dass sich die Rassistentruppe nach einiger Zeit mit einer proletarischen Abreibung konfrontiert sah. Der Hund wurde nie wieder gesehen, die vegan orientierten Leser_innen moegen mir verzeihen, und die Rassisten suchten sich eine neue Homezone und Hobby.
Diese Intervention geschah allerdings ohne Wissen der meisten Vietnames_innen, welche sich natuerlich ueber die verbesserte Situation am S-Bahnhof freuten.
Im Laufe der Zeit traten neben den sprachlichen Barrieren auch kulturelle Unterschiede auf. So wurde nach einem zu ausgelassene Abend mit vermutlich zuviel Alkohol ploetzlich Geschlechtertrennung vollzogen, die vietnamesischen Frauen sollten nun allein in der Kueche essen. Der Grund fuer dieses offensichtliche Missverstaendnis konnte nicht restlos geklaert werden, fuehrte aber zu deutlichem Unbehagen in Klaus Peters Gruppe und liess die Besuche seltener werden.
Die Vietnames_innen wohnten noch einige Zeit in den Friedrichshainer Haeusern, bis ihnen der Auszug nahegelegt wurde. Ob dabei die als Grund angegebenen Gluecksspiele um hoehere Geldsummen taetsaechlich stattgefunden haben oder sich die alternativen Hausbesetzer einfach nur von der manipulierten Mafia-Paranoia anstecken liessen, entzieht sich der Kenntnis des Autors.

Bleibt zu hoffen, dass zumindest einige den Sprung in ein menschenwuerdiges Leben nach ihren Vorstellungen geschafft haben.

Das besagte Haus gibt es heute noch als Projekt, die Kickoff-Baustelle ist ein unregelmaessig geoeffnetes Antifa-Cafe, die Plattenbauten in der Rhinstrasse sind Bauarbeiterhotels oder abgerissen und Klaus Peters sonntaegliche Trainingsrunde fuehrt an der Gehrenseestrasse und der Rhinstrasse vorbei. Dabei entstanden auch diese Erinnerungen, weil zuviel Zeit.