Wer ist schuld? Eine ewige Frage ohne vernünftige Antworten. Dabei mangelt es der Welt in der wir leben wahrlich nicht an Feindbildern. Im Grunde genommen trifft man sie jeden Tag auf der Straße, in Uni, Schule und den Warentauschzentren. Man nennt sie Deutsche, Bullen, Yuppies oder Studentinnen. Aber schuld sind sie dann doch nicht und nie an allem. Auf der Suche nach den eigentlich Schuldigen wühle ich mich durch die Abgründe der Gesellschaft. Die Ergebnisse schreibe ich in »Wer ist schuld wenn niemand schuld ist?« auf. Teil #5
Die Hitze ist schuld! An einem ganzen Konglomerat von Unzulänglichkeiten, Massenmorden und Alltagsproblemen. Exempel gefällig:
- Die Finanzkrise
- Das Sommerloch
- Sonnenbrand im Nacken
- Sonnenbrand an anderen Körperstellen
- Pest, Cholera sowie Schweine-, Vogel- und Dalmatinergrippe
- mangelnde Wasserbevorratung bei Kaiser’s
- der Berg ungewaschene Wäsche
- die untrinkbare Temperatur meiner Zitronenlimonade
- BVG
- Fußball-WM der Männer
Das, es klingt aberwitzig und unglaublich, ist nur ein Ausschnitt. Das Ergebnis einiger Sekunden Brainstorming plus Schreiben, Abtippen, Korrekturlesen, nochmal Lesen, Fehler übersehen haben.
Fangen wir hinten an. Oder auch unten, hinten klingt für manch freudianisch vergrämte sicher ein wenig nach analer Phase.
Der Zusammenhang zwischen »22 Männer laufen einem Ball hinterher und Millionen schauen zu«, also Fußball und Hitze ist durchaus ein einfacher. Wer würde schon mit Vuvuzela, Kuhglocke oder einer dieser total bescheuerten Kindergartenfaninstrumente, der Holzrassel, in einem Stadion sitzen, das eher an die Kulisse der 1:1 Theaterumsetzung der Schlacht von Stalingrad von Schlingensief erninnert als an ein grünes Quader? Na bitte. Stattdessen würden Sportarten wie Curling die besten Sendeplätze erhalten. Und natürlich das Radfahren des Winters – Skilanglauf. Das ist zwar auch schlimm, aber nicht so schlimm wie Fahrrad fahren. Besser: Anderen beim Fahrradfahren zugucken. Desweiteren: Animiert Kälte zum Drinnensitzen und Welt draußen lassen. Nationale Selbstbefriedigungsveranstaltungen, im offiziell verdummten Sprachgebrauch »Public Viewing«, würden somit der Vergangenheit angehören. Außerdem stehen Curlinghooligans spätestens seit den Winterspielen von Salt Lake City ziemlich weit oben in meinem Buch mit Sachen, die die Welt noch dringend hervorbringen sollte.
Wo Fußball nun schon mal ist, da ist die BVG nicht weit. Ein Satz, der seine Legitimation daraus erfährt, dass die BVG in Berlin nie allzuweit entfernt ist und folgenden Gründen:
Einerseits, weil es Fußballfans immer noch gestattet ist mit ihrer vor Blödheit strotzenden Aura öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, ein Unding!, und andererseits, weil das Berliner Fenster einer keine Ruhe lässt. Nun ist es nicht so, dass das Berliner Fenster mehr wäre als verpixelte Fahrgastverblödung. Und überhaupt, was für ein selten dämlicher Name ist denn bitte »Berliner Fenster«? An Dämlichkeit nur noch getoppt von der Installation dieser gräßlichen Brandenburger Tor Musterfolien. Aber schon nett irgendwie, diese kaum aufdringliche Erinnerung beim Blick aus dem echten Fenster, dass man sich tatsächlich in Berlin befindet. Könnte man ja vergessen.
Vergessen wie bei 30°C überhaupt mit der U-Bahn zu fahren. Wobei man besonders der U1 Qualitäten als Dampfbad ohne Wasser durchaus nicht absprechen kann.
Eine teuflische Absprache des Bösen, BVG und Hitze, gegen meine liebevoll antrainierten Rettungsringe. Eine Schlacht übrigens, die die Hitze mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, Hitze und teuflische Hitze, und auf allen Ebenen führt. Heute morgen hat sie einen Anschlag auf die harmlos neben meinem Bett stehende Flasche mit köstlicher Zitronenlimonade durchgeführt. Kurz vor dem Sieg, der Metamorphose von Limonade in Kochwasser, hat sie aber verloren. Die Limonade befindet sich nun im Krankenhaus, pardon ich meine Kühlschrank, und ist auf dem Weg der Besserung.
Die garvierendere Schlacht hingegen ist die mit der dreckigen Wäsche. Damit hat die Hitze eigentlich nichts zu tun, allerdings brauchte ich gerade dringend einen Sündenbock.
Ohne Wenn und Aber schuld ist die Hitze nichtsdestoweniger an der Tatsache, dass sich Menschen auf einmal daran erinnern, dass irgendwelche Ernährungsberaterinnen ihnen irgendwann erzählt haben, dass man mindesten 1500 Milliliter Wasser pro Tag zu sich nehmen sollte. Eine Tatsache, die einer, offensichtlich, das ganze Jahr über piepegal ist, mich nun dennoch immer öfter vor geplünderten Regalen stehen lässt. Ich habe jetzt einen präapokalyptischen Wasservorrat in meinem Zimmer. Ich musste mein Bett dafür rauswerfen, doch das war es mir wert.
Diese leeren Regale lassen übrigens, zumindest in Gedanken, das Szenario realistisch erscheinen, dass der Wasserpreis und der Preis für Unternehmen, die Wasser an den Mensch bringen, in den nächsten Tagen astronomisch steigen werden. Ein Boom, der natürlich spätestens im September zur Krise führt – kleiner Vorgriff auf den letzten Punkt.
Wenn mehr Menschen nun aber Wasser besitzen und nach der Diktion der allgemeinen Sachlichkeit noch mehr Menschen das Bedürfnis verspüren ihren Flüssigkeitshaushalt wenigstens einigermaßen im Gleichgewicht zu halten, dann führt das zu einer höheren Fluktuation der Flaschen von Mund zu Mund. Man könnte auch sagen: »Der Flaschen von Flasche zu Flasche«. Aber das muss ja auch erstmal eine verstehen. Mit dieser steigenden Aufteilung der gesellschaftlichen Flüssigkeit wird die Flasche an sich zu einer passiven Briefmarkensamlerin. Hä? Ja. Also nicht direkt, im Gegensatz zur Briefmarkensammlerin sammelt die Flasche nämlich keineswegs Briefmarken sondern Krankheiten. Diese gibt sie dafür dann auch, »immerhin«, sehr viel bereitwilliger wieder her als die störischen Sammlerinnengestalten.
Im Kommunismus nun, es ist wichtig über ihn zu sprechen um seine Realisierung denkbar zu halten, wäre dies alles kein Problem. Jede hätte ihre eigene Flasche. Unter Voraussetzungen von Privateigentum und künstlicher Verknappung aber kommt die nächste Flaschengrippe bestimmt. Denn: Es gibt keine richtige Hitze im Falschen. Um im Richtigen, zur Erinnerung: Kommunismus, gibt es keine Hitze mehr.
Da nun aber das Falsche ist und die Menschen dementsprechend auch falsch und vereinzelt an ihren Flaschen nuckeln, trinken die rock n riot das Wasser weg. Das bedeutet für rock n riot zwangsläufig einen gewaltigen Mehraufwand das ganze Volksgedöns zu hassen. Mehr Aufwand bedeutet auch mehr Zeitaufwand. Mehr Zeit in der Sonne bedeutet über kurz oder lang Sonnenbrand. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
So einen Sonnenbrand kann man auch ganz vorzüglich bei der Betrachtung des alljährlichen, mit großem medialen Brimborium inszenierten und beschworenen Sommerloch, holen.
Vielleucht sieht man rock n riot bald auf der Tietelseite der BILD wie sie, zu allem Überfluss auch noch Antideutsche, sich auf Kosten der Steuerzahlerinnen ein Eis gönnt. Ich werde sicherheitshalber nochmal beim BaFöG-Amt anrufen und fragen ob ich das darf.
Bestimmt findet sich aber eine Dienstfahrt oder sonst eine hundsgemeine Tätlichkeit an der Volksseele und das mit meinem 15 Minuten Ruhm wird auf die nächste Gelegenheit verschoben.
Andere Möglichkeit: Vor Südkorea fällt noch ein Boot um und wir dürfen von den europäischen Logen aus Krieg schauen. Falls der Krieg nach Europa rüberschwabt hat das deutsche Feuilleton immerhin einen Grund zu feiern – Deutschland hätte dann nur noch zwei Drittel aller Weltkriege begonnen.
Derweil müssen wir uns mit dem RTL-Nachmittagsprogramm und ein bißchen Krisenkladderadatsch zufrieden geben. Eine Krise übrigens, die je nach Standpunkt gar schon wieder vorbei sein könnte. Jedenfalls wenn man Wirtschaftsredakteurin beim Tagesspiegel ist und sich so des Abflauens der Krise anhand, vermeintlich, steigernder Beschäftigungszahlen im Leiharbeitssektor freuen kann als wäre es die Verwandlung von Wasser in Wasser mit MDMA.
Für klügere Menschen hingegen sieht eine Situation, die ganz viel Sparen und ein Rettungspaket in Höhe des 17,494-fachen des Bruttoinlandsprodukts Luxemburgs nahelegt, schon noch ein bißchen wie Krise aus.
Eine Krise übrigens an der die Hitze die Schuld trägt. Warum? Ganz einfach: So eine Krise, die kommt nicht von heute auf morgen. Die benötigt ein bißchen zeit zur Genese. Der Zug der Geschichte hat also, weil es niemand für nötig oder möglich hält mal an der Notbremse zu zupfen, zwangsweise die Hitze durchqueren müssen bevor es zum Bauchplatscher der globalen Wirtschaft kam.
Was, in Anbetracht der bereits gegen die Hitze vorgetragenen Anschuldigungen, ebenjene zwingend verantwortlich macht. Um die Jahreszeitendialektikerinnen zufrieden zustellen: Auch die Kälte kann sich nicht in der Eishollywoodschaukel zurücklehnen. Das wird man in ca. sechs Monaten erfahren.
Mark Twain sagte einmal: »Sommer ist die Zeit des Jahres in der es zu heiß ist das zu tun wozu im Winter zu kalt war.« Also Banken retten, Verwandte besuchen, voll viel Zeit draußen verbringen, weil »das Wetter ja so unglaubluich klasse ist« und so weiter.
Zur Erfüllung des Wunsches nach Friede, Freude, Eierkuchen ist es im Kapitalismus übrigens im Herbst und Frühling zu lau.
Am Besten bemühen wir also die Notbremse um an einem schönen Spätsommernachmittag den Zug der Geschichte anzuhalten. Im Kommunismus lässt sich das mit der Hitze dann neu verhandeln. Das zumindest verspricht »…ums Ganze!« wenn sie schreiben das Ziel sei »eine Gesellschaft jenseits von Naturzwang und Herrschaft«.
Ich schließe vollkommen zusammenhangslos mit einem Stück Klowandprosa: »If this city never sleeps, does that mean that nobody dreams?«
Ist jetzt im Philosophieseminar,
rock n riot