Zu den letzten Versuchen der bereits untergegangenen DDR im Herbst 1989 nonkonforme Demonstrationen aufzuhalten, gehoerte eine eigenwillige Mischung aus Zersetzung und Dialog.
Entgegen der heute ueblichen Meinung war ‘Zersetzung’ zumindest in den 1980er Jahren das ausschliessliche Mittel der Staatsicherheit im Zweikampf mit der Opposition. Nach dem Wechsel an der Spitze des Zentralkomitees der SED im Oktober 1989 wurde auch bis dahin ungewoehnlicher Wille der politischen Elite zum Dialog mit allen Gruppierungen verkuendet, welchen sich der ewig laechelnde Egon Krenz aber vermutlich eher als kosmetische Massnahme vorstellte.
Bei einer dieser Demonstrationen vom Alexanderplatz Richtung Staatsratsgebaeude, bei der es auch vermutlich um irgendetwas ging, was aber niemande wusste oder gar interessierte, wurde die Demonstrant_innen auf der Spreebruecke am Nikolaiviertel von einem einzelnen Lada der Volkspolizei mit Blaulicht blockiert und es gab einige freundliche Megaphoneworte, die anwesenden Buerger wurden darauf hingewiesen, dass sie sich auf einer illegalen Demonstration befinden.
Diesen kurzen Moment der Verwirrung nutzen die sehr vielen am Rand wartenden Maenner mittleren Alters in Zivil und streuten sich unter die Demonstrantion. Nun wuerde jede/r Leser_in, welche/r durch die harte Schule des ZDF-Magazins gegangen ist, jetzt von den Buetteln des Unrechtsstaates Schuesse oder zumindest brutale koerperliche Gewalt erwarten. Nichts davon geschah.
Die Demonstrant_innen wurde von den mutmasslichen Stasi-Maennern in Gespraeche verwickelt, welche mit offenen Fragestellungen wie: ‘Warum sind sie denn hier?’ , ‘Sie sind doch bestimmt Studenten, wollen Sie den Arbeiterstaat zerstoeren?’ eingeleitet wurden. Die Taktik funktionierte, da viele der Protestierenden ein ausgesprochen hohes Mitteilungsbeduerfnis hatten. Vergleiche mit heutigen Demohippies mit dem zwanghaften Hang zum Gespraech mit den Bullen draengen sich foermlich auf.
Die Demonstration verlor sich im Dialog und die Stasimaenner verschwanden nach und nach.
b.b.m.
Published: 2010/06/26Posted in: all my friends are dead, too old to die young