Frueher war es nicht unbedingt besser, aber zumindest irgendwie ehrlicher. Statt Quarzhandschuhen und Knueppel wird heute mit einem Sitzkissen gegen den Naziaufmarsch protestiert. Im besten Fall wird sich dann damit auf die Strasse gesetzt, damit es nicht zur hart am Gesaess ist und die demokratische Buergerpflicht nicht unangenehme blaue Flecken verursacht.
An blaue Flecken oder gar groessere Verletzungen bei Nazischweinchen ist gar nicht zu denken. Der Aufstand der Anstaendigen wird zum Volksfest mit Polizeischutz, welche durch doppelreihige Sperren auf den 500m von der Bornholmer Bruecke bis zur Schoenhauser Allee niemals einen Zweifel daran liess, in welchem Rahmen sich die Nazidemo bewegen wird. Einige buegernahe Lokalprominente werden mediengerecht auf die Strasse gesetzt und weggetragen, wenn sie nicht selbst dafuer zu fett dazu sind.
Das zivilgesellschaftliche Engagement der gelaeuterten Deutschen schafft den Rahmen um den Rahmen aus Hamburger Gittern und bayrischen Bullen. Hinterher kann sich die modernisierte Volksgemeinschaft auf die Schulter klopfen und ordentlich feiern, dass die Nazis besiegt worden sind, ohne auch nur irgendeine Naehe zu den Nazis zu haben. Ob die Scheinblockade nun an der Ecke Schoenhauser stattfindet, ein Strassenschild am U-Bahnhof Vinetastrasse angespuckt wird oder in Hinterbopfingen der Dorfjuso Nazis bloede findet, ist dabei unerheblich.
Mit meiner ganz vorsichtig vorgetragenen Kritik am Aufstand der Anstaendigen bin ich allerdings schon an der Blockadefront angeeckt und habe mich bei alten Zeit- und Weggenossinnen unbeliebt gemacht. Wozu also diskutieren, das laesst sich sowieso alles nicht aendern. Der Zerfall der radikalen Linken dokumentiert sich im Getuemmel mit Sitzkissen in der Hand.
Der Hippie labert eben mit dem Bullen als ob es kein Morgen gaebe. Ganz klares Busfahrersyndrom, man mag sie nicht, aber man quatscht sie voll, weil man sie fuer wichtig haelt. Und sich dadurch selbst unglaublich wichtig fuehlt. Oh, der Busfahrer hat mich begruesst und meine Fahrkarte kontrolliert. Oh, der Bulle hat mit mir geredet und mich fast durchgelassen.
Eine Band spielt auf einem Wagen der Linkspartei Musik, welche eigentlich nur als Verstaerkung der Blockade durch eine Schallmauer des schlechten Geschmacks gemeint sein kann. Welche Musik auf der Nazidemo gespielt wurde, weiss ich nicht. Aber schlimmer wird es wohl auch nicht gewesen sein. Klischees ohne Ende, Elektrotechno von einem Balkon einer Wohnung oberhalb der 50T/p.a.-Grenze, es hampeln smarte Leutchen und zeigen die Fahne des Staates Israel.
Wenn frueher zu meiner Zeit die Nazis schoen verkloppt waren, gings zur Oranienstrasse. Es wurde gelungert und gewartet, ueber die vorbeikommende Revolutionaere 1. Mai Demo verschiedener Auslegung gelaestert, eventuell der eine oder andere unangenehme Szenebekannte beleidigt und weiter gewartet. War das Warten vorbei, wurden ueblicherweise Dinge jenseits der rechtsstaatlichen Legalitaetsgrenze getan, ein bisschen gerannt und anschliessend zufrieden und sportlich erschoepft nach Hause gegangen. Heute auch nicht mehr so ueblich.
In Kreuzberg war nichts. Gar nichts. Null.
Man traegt wieder Palifahne auf der Demo, die sich revolutionaer duenkt. Und dass diese so laecherlich ist, dass sie nichtmal eines Bullenspaliers bedarf, wird hinterher natuerlich auch als unschlagbarer Erfolg verkauft. Sie haetten sich nicht getraut.
Als ob die Frage des Abends ueberhaupt zwischen Krawall und Bullen entschieden wuerde. Vielmehr geht es doch um Caipirinha vs. Mojito. Wobei die Nordkiezprinzessin und ich sich nicht wirklich entschieden haben, sondern zu einem ausgewogenen Patt tendieren.
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