Kein Erbarmen. Hier liest Du nichts ueber neueste Zeitungsartikelchen, drittklassige Fernsehfilmchen oder ausgekotzte Politbelehrungen. Hier liest Du, the same procedure as every year, den Bericht ueber den Klassiker meiner koerperlichen Wahrheiten, den Berlin Half Marathon. Oder vielmehr ueber ganz persoenliche Eindruecke.
Sagen wir es mal so: Ich rannte taktisch. Witterungsbedingt mit weniger als 4 Wochen Vorbereitung war eine ordentlich Zeit nicht das angestrebte Ziel, sondern lediglich die olympische Teilnahme, um die bereits im November entrichtete Startgebuehr nicht komplett in den Sand zu setzen. In den 4 Wochen hatte ich die beruechtigte Mahrzahn-Enlightenment-Runde auch nur 3 Mal absolviert und bin sonst eher locker die Volkspark-Karlmarxallee gelaufen. Von echtem Training kann also keine Rede sein.
Langsamer Start, wobei ich zunaechst die mitlaufende Vanessa Petruo und anschliessend den zuschauenden Antifaschisten Andrej Hermlin erblickte. Letzten gruesste ich mit der froehlich geballten Faust der Arbeiterspartakiade, wobei ich vermute, dass ihn das doch etwas irritierte und er sich wohl kaum an mich erinnern konnte.
Taktischer Lauf heisst unter anderem, dass ich mir eine ganz schoene Excel-Tabelle angefertigt hatte, in dieser in aufwendigen Formeln die Endzeit und die Kilometerexakten Durchgangszeiten errechnet und schliesslich das ganze auf meinen Unterarm projeziert hatte. Ich liess es ganz langsam angehen, ausserdem regnete es sich direkt am Start schoen ein. So wurde es in der kurzen Sportbuxe wenigstens nicht zu warm. Was ich nie verstehen werde: Direkt nach ca 2km rennen hunderte Maenner ins erste Gebuesch am Tiergarten, um dort demonstrativ hinzupissen. Es ist ja nicht so, dass es am Start keine Toiletten gaebe. Die Zeit wird durch die Reviermarkierung auch nicht besser, soviel mal zu dem Thema. Eventuell gehoert zu einem richtig stolzen Volkslaeufer auch das Zeigen der Maennlichkeit an der Laufstrecke. Ich weiss es nicht.
Die Sonne kam raus, ich machte den Freundlichen und klatschte kleine gereichte Kinderhaende ab und lief locker durch die 10 km, wobei sich die alte Faustregel: 10 km verdoppeln = Endzeit irgendwie wieder bewahrheitete. Hintenraus geht’s dann immer besser. Getrunken hab ich wieder nichts, stattdessen hatte ich mir so eine fetzige Geltube vom DM eingesteckt, die ich bei km 15 oder 16 in meinen Mund troepfelte. Das schmeckt richtig scheisse und so hatte ich einige Zeit, um ueber den schlechten Geschmack nachzudenken. Eventuell ist das auch der Trick an dieser Art Aufbaunahrung. Eine kleine Gemeinheit hatte sich der Veranstalter noch am Ende einfallen lassen, die Strecke war geaendert und der Weg in die Leipziger Strasse ging ueber die Potsdamer, so dass die Orientierung etwas schwer viel. Aber, wir entsinnen uns, ich hatte ja meinen beschrifteten Unteram und die gute Sportuhr dabei. Kurz vorm Ziel sah ich einen Laeufer auf dem Buergersteig liegen, eine Passantin war aufgeregt mit Herzdruckmassagen beschaeftigt. Der Rettungswagen rollte von Ferne an. Da ich so etwas bei Laufveranstaltungen schon oefter gesehen hatte, machte ich mir keine weiteren Gedanken. Spaeter kam dann als Meldung, dass dieser Mitlaeufer verstorben ist. Ich bin tatsaechlich schon einige Male erstaunt gewesen, wie insbesondere bei kuerzeren 10km-Laeufen sich jeder berufen fuehlt, dort teilzunehmen. Auch viele offensichtlich untrainierte Personen laufen beispielsweise den im sehr warmen August stattfindenen City Night Lauf mit. Ich finde es irgendwie unverantwortlich, dass Veranstalter um der Teilnehmerrekorde willen dort nicht eine Reglementierung finden, welche in der Praxis natuerlich auch schwer durchzusetzen ist. Das wuerde natuerlich ausserdem voraussetzen, moralische Appelle haetten in diesem Koerperzirkus ueberhaupt einen Effekt, wo es doch natuerlich ueblicherweise um Profit und weniger um Gesundheit und in Einzelfaellen Leben der Laufenden geht.
Auch wenn ein Halbmarathon natuerlich keine uebermenschliche Anstrengung ist, stellt er doch eine Art Extrembelastung dar. Daran sollten insbesondere weniger trainierte Leute denken, die mit dem Gedanken spielen, das mal eben aus Fun mitzulaufen.
Im Ziel bin ich mit meiner Zeit in Anbetracht der Umstaende doch sehr zufrieden, ich war nur 3 Minuten langsamer als im letzten Jahr. Im Juni laufe ich den Halbmarathon in Potsdam mit, eventuell schaffe ich in diesem Jahr endlich mal einen Marathon.
Grosser Dank gebuehrt der zauberhaften Nordkiezprinzessin fuer den Support.
Zwei Halbmarathons (ja, das ist wirklich der Plural von Marathon) ergeben doch einen Marathon. Also: Ziel erreicht! Siehste, so einfach gehts doch, man braucht nur den richitgen Trainer.
PS: Ja, er lebt noch! ;)
naja, ich fuerchte, das gildet nicht so richtig.
viele gruesse! du lebst ja noch.
Für mich gilt das schon, Selbstbetrug ist halt doch noch immer der einfachste von allen Betrügereien.
Jaja, mich hats noch nicht dahingerafft (ich laufe ja auch keine Halbmarathons). Und direkt belästige ich Dich schon wieder mit Problemchen (siehe ICQ).