b.b.m.

Als Leonid Iljitsch Breschnew im November 1982 starb, nahm er nach vielen, unendlich erscheinenden Jahren an der Spitze der UdSSR und des Ostblocks eine eher ruhige Etappe in deren Geschichte mit ins Grab an der Kremlmauer. Der aussenpolitischen Vorteil, den sich die Staaten des Warschauer Vertrages durch die Niederlage des Imperialismus in Vietnam, einem farblosen US-Praesidenten Jimmy Carter und den Beitritt zahlreicher nationaler Befreiungsbewegungen zum sozialistischen Weltsystem verschafften, konnte in den spaeten 70er und 80er Jahren in innenpolitische Beschaulichkeit umgesetzt werden.

Diese Stagnation hatte viele schoene Seiten. So hatte zwar nicht jeder ein Auto, der gern eins wollte oder musste 10 Jahre auf ein solches warten, aber dafuer gab es Parkplaetze fuer alle. Die Inkarnation des Gegners jeglicher Veraenderungen und damit groessten Fan der Stagnation, Klaus Peters Vater, war dieser Ueberfluss Grund genug, ein Stueck Strassenland als ‘seinen’ Parkplatz zu betrachten und dieses auch zu verteidigen. Als Angehoeriger der bewaffneten Organe hatte er im Kleinkrieg gegen nachbarschaftliche Eindringlinge ganz klar die besseren Karten.

Heute mag das laecherlich erscheinen, im kleinbuergerlichen Mief der sozialistischen Haelfte Deutschland war das allerdings alles andere als ungewoehnlich.

Breschnews Fellmuetze war ausgesprochen beliebt. Nicht nur Erich Honecker und Klaus Peters Vater besassen ein solches Modell, es gibt auch ein Foto vom minderjaehrigen Klaus Peter, auf welchen er die sehr kleine bronzende Baerenstatue im Tierpark Berlin nur mit Hilfe dieser Fellmuetze ueberragt.

Ob Breschnews politischer Nachfolger Juri Wladimirowitsch Andropow ebenfalls eine solche Muetze besass, ist sehr wahrscheinlich, entzieht sich aber der Erinnerung. Andropow war der Mann mit der strengen Nerdbrille. Aenderungen waren vom Ex-KGB-Chef nicht zu erwarten. Allerdings starb auch er nach knapp 1,5 Jahren im Amt. Von seinem Nachfolger ist nicht einmal in Erinnerung geblieben, ob er denn ueberhaupt eine Brille hatte.

Konstantin Ustinowitsch Tschernenko ueberlebte das Amt den maechtigsten Mannes der oestlichen Hemisphaere kein ganzes Jahr.

Sein Ableben sorgte hinter vorgehaltener Hand Klaus Peters Mitschueler zur Erheiterung und dummen Witzen. Klaus Peter war hauptsaechlich genervt, da er zu dieser Zeit den verantwortungsvollen Posten des Wandzeitungsredakteurs bekleidete und entgegen jeglicher Regeln der Stagnation haeufig umdekorieren musste. Von einer echten Stagnation kann bei diesen vielen abrupten personellen Veraenderungen ohnehin keine Rede sein. Als Klaus Peters Klasse im Sommer 1985 eine Fahrt nach Kiew, die Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik, unternahm, gehoerte zu den wesentlichsten und spuerbarsten Neuerungen, die der neue Partei- und Staatschef Michail Sergejewitsch Gorbatschow durchgesetzt hatte, das allumfassende Alkoholverbot. Ausserhalb des Hotels Alkohol zu bekommen war unmoeglich und innerhalb diesen aus verschiedenen Gruenden ausgesprochen schwierig. Zum einen war die Gefahr der Entdeckung in der Naehe der Begleitpersonen ungleich hoeher, das Angebot im Hotel eingeschraenkt und die Preise wie in gastronomischen Einrichtungen ueblich fuer ostdeutsche Schueler fast unerschwinglich. In Klaus Peters Erinnerung wird dieser Alkoholmangel maessig ausgeglichen durch Einladungen einer Gruppe amerikanischer Studenten im gleichen Hotel, welche allerdings vornehmlich an weiblichen Mitschuelerinnen ausgesprochen wurden.

Gorbatschow hat also durch sein unmotiviertes Alkoholverbot nicht nur das Ende des Sozialismus eingelaeutet, sondern auch irgendwie Klaus Peters Klassenfahrt um einiges an Attraktivitaet beraubt.

Im rassistischen Vorurteil der Ostdeutschen zu jener Zeit war ein Russe uebrigens einer, der staendig besoffen war. Das der statistische Pro-Kopf-Alkohol-Konsum der DDR hoeher als der in der Sowjetunion war, wurde mit Schwarzbrennerei oder dem Genuss von Ersatzsubstanzen, wie beispielsweise Koelnisch Wasser, begruendet. Gobatschows Alkoholverbot naehrte dieses Stigma.

In diesem Kontext moegen im Nachhinein auch die Gorbi-Buttons, welche von DDR-Dissidenten als Manifest ihrer Unbotmaessigkeit gegenueber den Staatsorganen getragen wurden, eigenartig ambivanlent erscheinen. Wie sich die DDR-Staatorgane zu den Buttons verhalten haben, ist Klaus Peter uebrigens nicht bekannt, da er keinen trug.

Getragen haben den allerdings durchaus Punker in der KvU auf Lederjacken neben anarchistischen Zeichen und im Zustand der Volltrunkenheit.

Die Botschaft von dessen allumfassenden Alkoholverbot war bis zu ihnen offensichtlich noch nicht vorgedrungen.