Wer ist schuld? Eine ewige Frage ohne vernünftige Antworten. Dabei mangelt es der Welt in der wir leben wahrlich nicht an Feindbildern. Im Grunde genommen trifft man sie jeden Tag auf der Straße, in Uni, Schule und den Warentauschzentren. Man nennt sie Deutsche, Bullen, Yuppies oder Studentinnen. Aber schuld sind sie dann doch nicht und nie an allem. Auf der Suche nach den eigentlich Schuldigen wühle ich mich durch die Abgründe der Gesellschaft. Die Ergebnisse schreibe ich in »Wer ist schuld wenn niemand schuld ist?« auf. Teil #2
Diejenigen, die die ganze Nacht und noch ein paar Tage mehr feiern, diejenigen sind es nicht sagte uns der Verstand nach einer nüchternen Analyse. Im Übereifer hatte der Verstand aber die nächste Lösung schon durch die Neuronen gepumpt, irgendwie ein paar Transmitter oder solche Dinge, Dinge von denen ich nunmal keine Ahnung habe, in Gang gesetzt. Die Transmitter sorgten dafür, dass der nächste und verheißungsvolle Schuldvorschlag im Text landete. Die Bullen.
Dass die Bullen schuld sind, das lernt man schon so früh als Punker_in auf dem Weg zum Abitur, als Raver_in auf dem Weg zur Party, als Autofahrer_in auf dem Weg nach Hause, als Sprayer_in auf dem Weg zum Yard und als hunderte andere Subjekte auf dem zu Hundert anderen Plätzen. Klingt nach einer sicheren These.
Und wahrlich, die Bullen geben sich alle Mühe schuld zu sein. Anstatt sich einfach nur ausbeuten zu lassen, nehmen sie den Knüppel in die Hand und machen auf tolerant, um beim Punk zu bleiben und im Osten, und schlagen drauf. Wo andere der Reproduktion des Werts und seiner Kamerad_innen ihren Tag opfern, da opfern die Bullen ihren um die, die mit dem ganzen Scheiß Schluss machen wollen von ihrem Vorhaben abzubringen.
Und doch, für die falsche Einrichtung der Verhältnisse, so lautet die bittere Einsicht, dafür können sie auch nichts. Die waren schon vorher da, die werden auch noch da sein wenn die heutigen Bullen tot sind. Vermutlich. Einfacher Beweis: Die Bullen der Weimarer Republik sind tot und die bürgerliche Gesellschaft gibt es immer noch, in Deutschland um die Genauigkeit nicht dem verzweifelten Suchen zu opfern, in Deutschland gibt es sie wieder.
Woran die Bullen aber schuld sind so mannigfaltige Unverschämtheiten, die von interessierter Seite mit Normalvollzug hinreichend erklärt werden sollen. Sie sind schuld an all den Gründen warum noch Jede_r, die Bullen mal gesehen (mit zwei Ausnahmen: Bullen und, der in diesem Zusammenhang zweit schlimmsten Gruppe, Lebenspartner_innen von Bullen) denkt sie seien schuld. Und jetzt mal Butter bei die Fische, lassen wir das Kapitalverhältnis mal beiseite, fangen wir kleinschrittig an, lassen wir diese entschuldigenden Tendenzen, dieses postkritische Unterfangen zu beweisen niemand sei schuld: Sie sind schuld. Sie sind schuld an jedem gebrochenen Knochen und an jedem Hämaton, den ihr Prügeltrupp zufügt. Sie sind schuld am Tod von Oury Jalloh und noch so einigen mehr. Sie sind schuld an Strafverfahren wegen Drogenbesitz. Sie sind schuld, weil sie nachts durch Städte fahren um ihre Minderwertigkeitskomplexe an Sprayer_innen und anderen vom Volksmund »zwielichtig« genannten Gestalten auszulassen. Sie sind mindestens mitschuldig an rassistischer Unterdrückung. Sie sind schuld, dass man einen Nachmittag im Kessel und die halbe Nacht in der GeSa zubringen muss, nur weil man von ihrem Lieblingskrempel, genannt Gesetzen, nichts hören will und Nazis viel lieber blutend am Boden liegen sieht als Fahnen schwenkend gehend.
Ja, die Bullen sind nicht schuld, aber ja die Bullen sind schuld. Wenn das mal keine beruhigende Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht. Mir reicht sie um bis zum Wochenende durchzuhalten. Und dann ist Dresden, da wird sich wieder zeigen wie schuld die Bullen in Wahrheit sind. Und dann ist eine neue Woche, da guck ich dann mal wer noch schuld sein könnte. Mir schwebt da eine Gruppe vor, sie schimpft sich »Student_innen«. Und nicht vergessen: Gruppen bezogene Menschenfeindlichkeit sollte man nie abwerten. Es kommt schon auf die Gruppen an denen man die Feindschaft erklärt.