Wer ist schuld? Eine ewige Frage ohne vernünftige Antworten. Dabei mangelt es der Welt in der wir leben wahrlich nicht an Feindbildern. Im Grunde genommen trifft man sie jeden Tag auf der Straße, in Uni, Schule und den Warentauschzentren. Man nennt sie Deutsche, Bullen, Yuppies oder Studentinnen. Aber schuld sind sie dann doch nicht und nie an allem. Auf der Suche nach den eigentlich Schuldigen wühle ich mich durch die Abgründe der Gesellschaft. Die Ergebnisse schreibe ich in »Wer ist schuld wenn niemand schuld ist?« auf. Teil #1
Man kennt das, es ist Mittwoch, mitten in der Bedeutungslosigkeit. Das Wissen im Kopf rumspringend, dass der Freitag noch lange hin ist, der Montag zu lange zurückliegt, man im Niemandsland der Ausbeutung gefangen ist. Man gehört nicht zu diesen ominösen Raver_innen, die sich ihre Tage in Kellern und anderen Clubs, wenn man dem 08/15 Fuzzi auf der Straße glauben schenken mag nur im Berghain und der Panoramabar, um die Ohren schlagen und auf alle möglichen und unmöglichen chemischen und pflanzlichen Wachheitsergänzungsmitteln zurückgreifen. Wach seit Freitag, nüchtern am Mittwoch Morgen. Man trifft sie hin und wieder, Grinsen im Gesicht, gerade zu der Jahreszeit eine Unverschämtheit, laut kichernd und unsteter Blick.
Ja, man könnte sagen sie sind schuld. An nichts bestimmten und noch weniger an irgendwas weltbewegendem, aber sie sind schuld. Wenigstens in 2 Punkten: Sie haben Zeit und Spaß. Zeit hab ich auch, nur keine über die ich verfügen kann wie ich will. Man ist eingesperrt in Lohnarbeit, Essen beschaffen und abends Menschen sehen, das kann Spaß machen, aber was für ein Spaß ist das denn? Man selber steht dadrüber, müde lächelnd blickt man auf die kultur-industriell verpackte Seifenoper, die die in der objektiven Verzeiflung Verhangenen Leben nennen, ihre verdinglichten Beziehungen, die sich beim Sushi essen in der Mittagspause, beim Italiener beim Abendessen und dem Bier an der Theke menschlich geben möchten aber nur eines schaffen: totale Vernichtung. Totale Vernichtung von allem, was nicht hier reinpassen möchte. Linke denken jetzt an Gentrifizierung, und wie ausgerechnet sie nicht mehr reinpassen, ich rede von Ausbeutung und wie alles was sich nicht ausbeuten lassen möchte nicht mehr reinpasst. Und daran sind die, die ich Dienstag abends auf dem Rückweg von einem sehr langen Tag treffe wieder unschuldig. Jedes Mal wenn man sich die Frage nach der Schuld stellt kommt man auf diese komische Antwort, irgendwie alle unschuldig, nur dieser Kapitalismus, der ist schuld. Jedes Mal wieder kommt man zu der Erkenntnis wie unbefriedigend das denn bitte ist. Wo gegen Antisemit_innen noch treffend mit Baseballschlägern der unversöhnliche Akt der Negation vollzogen ist hilft gegen die Waren in ihrer gespenstischen Gegenständlichkeit nur das Hoffen, dass die Leute von deren Fetisch ablassen möchten. Nur wenn man denen erzählen möchte wie dumm sie sind und sich nicht auf blumige Teach-Ins in Bürgerschulen verlässt dann kommt der Staat, der seiner Vernichtung skeptisch bis unversöhnlich entgegensteht und schickt seine Prügelknaben und -mädels. Vielleicht sind die ja schuld. Möglich wäre es, beantworten tu ich das nächsten Mittwoch. Wenn ich wieder in der Mitte der Woche festhänge.