Die rassistischen Pogrome von Rostock-Lichtenhagen werden gemeinhin als Ausgangspunkt einer Reihe aehnlicher Ausschreitungen und Anschlaege auf Nichtdeutsche im gerade wiedervereinigten Deutschland Anfang der 1990er beschrieben. Vergessen wird dabei, dass diese massiven Angriffe in einige Orten Brandenburgs und in Ostberlin begannen und im saechsischen Hoyerswerda im September 1991, fast ein Jahr vor Lichtenhagen, ihren bis dahin vorlaeufigen Hoehepunkt fanden.
Die deutsche Bevoelkerung griff ein Arbeiterwohnheim an, welches hauptsaechlich von Menschen aus Mosambique und Vietnam bewohnt wurde. Diese waren als VertragsarbeiterInnen auf Grund eines Staatsvertrages in die DDR gekommen und arbeiteten dort im Braunkohletagebau.
Mit der Abwicklung der volkseigenen Betriebe benoetigte die ohnehin latent rassistische ostdeutsche Einwohnerschaft ein Ventil, man vermutet in den Vertragsarbeitern Konkurrenten um die letzten verbliebenen Arbeitsplaetze der maroden Staatswirtschaft und macht ihrem Unmut mittels Steinwuerfen auf die Wohnheime, versuchten Brandstiftungen und koerperlichen Angriffen auf die ehemaligen Kollegen Luft.
Die Einwohner des Stadt, welche sie selbst Hoywoy nennen, nahm den Tod der sich verzweifelt zur Wehr HeimbewohnerInnen in Kauf, billigte das Vorgehen der Rassisten, applaudierte diesen und nahm schliesslich aktiv an den Angriffen teil. Das waren keine klischeehaften Neonazis, die hier organisiert auftraten, das war der spontan agierende Mob aus vollkommen ‘normalen’ Nachbarn aller Altersgruppen.
Das war neu und erstmalig: Der bis dahin unterschwellige Rassismus trat offen zutage, die deutsche Bevoelkerung eines ganzen Gebietes probte fast ausnahmslos den faschistischen Aufstand.
Den ersten Steinwuerfen folgten tagelange Ausschreitungen und Auseinandersetzungen um das Heim zwischen rassistischer Anwohnerschaft und der unwilligen und ueberforderten oertlichen Polizei, welche mit der ‘Evakuierung’ der VertragsarbeiterInnen endeten, welches auch hier die ethnische Saeuberung einer Stadt bedeutete.
Mit diesem Vorfall begann auch die Politik antirassistischer und antifaschistischer Gruppierungen, mit moeglichst breiten gesellschaftlichen Buendnissen in die entsprechenden Ortschaften zu reisen und dort eine politische Manifestation abzuhalten. Diese fand ueblicherweise im Anschluss an die Pogrome statt und der tatsaechliche Wert war, im Nachhinein betrachtet, gegen Null.
So mobilisierten Berliner Gruppen am Wochenende nach der Raeumung der Wohnheime zu einer antirassistischen Grossdemonstration.
Klaus Peter arbeitete zu dieser Zeit bei einem Westberliner Kollektiv im Besitz der Belegschaft, deren linksalternative Mitarbeiter neben biologischem Fruehstueck, TAZ-Abo und maessigem Stundenlohn auch das Verbringen gemeinsamer Abende im Kreuzberger ‘Elephanten’ verband. Alles Dinge, die Klaus Peter stillschweigend boykottierte.
An einem dieser Weizenbier-Abende muss wohl die gemeinsame Teilnahme an der Hoyerswerda-Demonstration beschlossen worden sein.
Klaus Peter, welchen die Kreuzberger Alternativen als ihren Quotenzoni gern mit auf die Reise nehmen wollten, musste sich nun eine sehr gute Ausrede einfallen lassen, um der gemeinsamen Fahrt mit dem Firmenbus zu entgehen.
Der Ueberlieferung nach soll er waehrend der ganzen Demonstration vollvermummt gewesen sein, nicht aus Angst vor Nazis oder staatlicher Repression, sondern als Schutz vor Entdeckung durch seine Kollegen.
Diese waren wie viele Andere mit Reisebussen und Autos vom gemeinsamen Treffpunkt auf einem Schoenefelder Parkplatz im Konvoi nach Hoyerswerda gekommen. Klaus Peters Bezugsgruppe und andere reisten in Privatautos auf einer anderen Strecke an. Bis auf ca. 5 Mitglieder der oertlichen (SED-)PDS, welche mit DDR-Fahnen zur Demo anrueckten, schlossen sich uebrigens der Demonstration keine Hoyerswerdaer Einwohner an.
Diese bewegte sich als Fremdkoerper durch das Plattenbaugebiet. Hier sollte auch die Premiere dessen stattfinden, was spaeter die rassistische Einwohnerschaft einiger ostdeutscher Orte erfahren musste. In kleineren Gruppen bewegten sich Vermummte durch die Innenhoefe der Plattenbauten und zogen das Eigentum der Rassisten in entsprechende Mitleidenschaft. Durch diese Art Abstrafung des unmittelbaren rassistischen Umfelds sollte der Versuch unternommen werden, Uebergriffe auf Auslaender nachhaltig zu stoppen. Die Volksfeststimmung, die bei den Pogromen ueblicherweise unter den anwesenden Deutschen herrschte, erhielt damit zumindest fuer einige Akteure des rassistischen Spektakels einen bitteren Nachgeschmack.
Bereits im Anschluss an eine dieser Aktionen zeigte sich die Spaltung innerhalb der angereisten Antirassisten. Mehrere Demonstranten griffen andere Teilnehmer des Aufzuges an, um diese an der Zerstoerung von Hoyerswerdaer Personenkraftwagen zu hindern. In diese Auseinandersetzung geriet auch Klaus Peter und wurde, aus oben erwaehnten Gruenden vermummt, von einem Antirassisten fuer einen Gewalttaeter gehalten und mit einem Knueppel und dem Ruf ‘Keine Gewalt’ angegriffen.
Ein Filmteam aus einem exbesetzten Friedrichshainer Haus, welches die Ereignisse festhalten wollte, geriet ebenfalls in den Tumult und bezichtigte spaeter Personen aus Klaus Peters Umfeld der Zerstoerung ihres Equipments.
Diese Auseinandersetzung innerhalb der Demonstration kulminierte wenig spaeter an einer Polizeikette, die den Zugang zu den geraeumten Wohnheimen versperren sollte. Die dort aufgestellten Polizeieinheiten wirkten aus heutiger und wohl auch damaliger Sicht ausgesprochen laecherlich und konnten wohl kein ernsthafter Versuch gewesen sein, mehrere tausend aufgebrachte Demonstranten stoppen zu wollen.
Einen wirklich ernsthaften Versuch unternahmen jedoch die autonomen Hilfskraefte der Staatsmacht, welche sich einerseits schuetzend vor diese stellten und ausserdem erneut Personen angriffen, in denen sie Gewalttaeter vermuteten. Auf beiden Seiten wurden dabei Schlaggeraete eingesetzt und die Demonstration mussste sich auf Grund dieser Auseinandersetzungen von der Polizeisperre zurueckziehen.
Die Demonstranten versuchten im Anschluss auf einem anderen Weg auf die urspruengliche Route Richtung Stadtzentrum zurueckzukehren, sicherlich auch, weil dort Rassisten vermutet wurden. Auf einem Balkon schwenkte ein aeltere Mann eine rote Fahne und reckte die Faust zum Gruss der Arbeiterklasse. In einigen Dokumentationen wird dieses Bild als repraesentativ fuer die Verbundenheit der Hoyerswerdaer Bevoelkung mit der antirassistischen Demonstration gezeigt, allerdings war es die einzige Zustimmung von ausserhalb waehrend der gesamten Demonstration.
Nach einigen hundert Metern traf der Aufzug erneut auf eine Polizeisperre, diesmal jedoch aus BGS-Einheiten mit Wasserwerfern. Diese beendeten jegliche Diskussion innerhalb der Demonstration, in dem sie direkt beim Erscheinen dieser mit den Wasserwerfern in die ersten Reihe schossen.
Das Gegenteil der vermutlich erwuenschten Wirkung war der Fall; der militante Teil der Demonstranten gewann die Initiative. Es folgten mehrere Stunden heftige Auseinandersetzungen.
Mehrere Gruppen von Antifas konnten die Polizeisperre durchbrechen oder umgehen und trafen im Stadtzentrum tatsaechlich auf einige unglueckliche Nazis.
Ebenfalls recht ungluecklich traf es einige schlecht ausgeruestete Ortspolizisten, welche sich ohne Schutzkleidung und im Barkas, eine Art DDR-Bulli, zur Verteidigung von Nahverkehrsbussen entschlossen, welche im Hinterland der eigentlichen Auseinandersetzungen einer antifaschistischen Bestrafung zum Opfer fielen.
Als Klaus Peter am folgenden Montag bei seinem Kreuzberger Arbeitskollektiv erschien, waren dort auch die mehr oder weniger erregten Kollegen. Sie hatten gemeinsam mit Anderen versucht, in die erwaehnten Auseinandersetzungen einzugreifen und Gewalttaeter, deren Ziel es ihrer Meinung nach war, die politische Manifestation zu diskreditieren, zu stoppen. Einer der Kollegen konnte auch einen ordnungsgemaessen Cut an der Stirn als Beweis seiner Ehrenhaftigkeit vorzeigen. Waehrend Klaus Peter sich der Diskussion besser enthielt, wurden die wildesten Spekulationen geaeussert, woher denn die ‘Bauhelmfraktion’ wohl gekommen sein koennte. Die Szenekenner waren sich lediglich darin einig, dass es keine Berliner gewesen sein konnten.
Die Auseinandersetzungen auf der Hoyerswerdaer Demo und die nachfolgenden Diskussionen, welche oeffentlich in der Postille ‘Interim’ ausgetragen wurden, manifestierten den Bruch in der Berliner Antifaszene, welchen es schon vorher gab. Die tiefen Differenzen und natuerlich auch die Erfahrung direkter koerperlicher Auseinandersetzung machten ein gemeinsames pragmatisches Handeln, z. B. in Lichtenhagen, nahezu unmoeglich.