Ungewoehnlich leer war es am Abend des 9. November 1989 in der Ostberliner Umweltbibliothek in der Griebenowstrasse. Klaus Peter war dort, um sich die neue Ausgabe des ‘Telegraph’ zu holen, dem Nachfolger der ‘Umweltblaetter’ und zu dieser Zeit eine der wenigen unabhaengigen Publikationen in der DDR. Dieser lag in losen Seiten auf Tischen in den Kellerraeumen aus, man suchte sich eine komplette Ausgabe zusammen, zahlte einen geringen Beitrag und ging wieder. Klaus Peter ging wieder nach Hause, lass vermutlich noch etwas im eben erworbenen Blaettchen und verschlief anschliessend in Ermangelung eines Fernsehers das historische Datum.
Am naechsten Morgen begegnete ihm in der U-Bahn euphorische Menschen, welche so wirkten, als ob sie die Nacht durchgefeiert haetten. Hatten sie ja auch, was Klaus Peter aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. Irgendwelche Bildzeitungen oder aehnliche Presseerzeugnisse, die sie demonstrativ lasen, erweckten Klaus Peters Missfallen. Ob es diesen Muell jetzt hier auch schon kaufen gaebe, ueberlegte er. Aufgrund der rasanten Entwicklung dieser Wochen hielt er das fuer moeglich.
An seinem damaligen Arbeitsplatz waren nur wenigen Kollegen anwesend. Die Mauer waere offen. Jeder koenne in den Westen. So die sensationell anmutende Offerte, die ihm sein Chef machte. Und er koenne gehen, wenn er wolle. Also mal ansehen, aber nicht da bleiben.
Klaus Peter musste sich erstmal erkundigen, wo es denn ueberhaupt in den Westen ginge.
Oberbaumbruecke, das sei bei der Warschauer immer weiter geradeaus. Eine Stelle, an der Klaus Peter vorher noch nie gewesen war und sich auch nicht vorstellen konnte, dass es dort ueberhaupt noch weiterging.
Dort angekommen, stellte er sich in eine lange und disziplinierte Menschenschlange an. Die Oberbaumbruecke war ein Grenzuebergang ausschliesslich fuer Fussgaenger mit einer winzigen Tuer und natuerlich fuer die Einzelabfertigung von Personen und nicht fuer Massenandrang geeignet. Zwei Frauen baten Klaus Peter, dass er sie doch fotografieren moege auf der anderen Seite. Dort angekommen, vergosssen die beiden in dicke Traenen des Gluecks und Klaus Peter vermied weiteren Kontakt.
Der Grenzuebergang war eine Art Slalom durch verschiedene Tueren und Gaenge aus Metallverkleidung und schliesslich eine laengere Strecke auf der baufaelligen Oberbaumbruecke, ohne jegliche Orientierung und Hinweisschilder, immer der Menge nach.
Irgendwelche Leute sangen auf der Kreuzberger Seite ein Lied zur Begruessung und Klaus Peter betrat den amerikanischen Sektor. In der Falkensteinstrasse hing eine schwarz/rote Fahne aus dem Fenster.
Dadurch motiviert rief Klaus Peter in der mit Ostlern vollen U-Bahn die alte Parole ‘BRD-Bullenstaat-wir haben dich zum Kotzen satt’, welches einen Sturm mittlerer Entruestung der Umstehenden provozierte: ‘Wir haben erlebt, was ein Bullenstaat ist!’. Klaus Peter war damals eine Randfigur der Antifa Ostberlin, etwas groteske offizielle Bezeichnung uebrigens “Autonome Antifa Ostberlin in den Raeumen der Kirche von Unten”, kannte also tolle Parolen und unterschied sich optisch von den Seinesgleichen, die ebenfalls ueber die Grenze gekommen waren.
Wo nun hin im Westen? Von seinen Kollegen bekam er den gutgemeinten Rat, doch zum Kudamm zu gehen. Da er nichts besseres wusste, wollte er das auch tun, verwechselte jedoch den Kudamm mit der Kurfuerstenstrasse und wunderte sich, was es dort zu sehen geben sollte. Irgendwie schaffte er es zum Brandenburger Tor und traf dort eine damalige Bekannte mit ihrem Vater. Diese waren mit dem Auto nach Westberlin gekommen und klaerten ihn auf, dass jeder sich 100 DM Begruessungsgeld abholen koenne. Da sie dies gerade machen wollten, fuhr Klaus Peter mit. Von den 100 DM kaufte er sich uebrigens kurze Zeit spaeter eine Gaspistole, welche damals noch ueber die Grenze geschmuggelt werden musste.
Der Vater der Bekannten war komplett am Abdrehen, zelebrierte die 100 DM und wollte zum Schoeneberger Rathaus, um dort gemeinsam mit Helmut Kohl und Walter Momper zum Volk zu sprechen. Er hielt sich fuer einen Vertreter der DDR-Opposition und wollte imaginaere Gruesse von Baerbel Bohley ueberbringen. An dieser Stelle musste sich Klaus Peter angenervt verabschieden.
Er hielt sich noch einige Zeit am Brandenburger Tor auf und betrachtete voller Ehrfucht den Potsdamer Platz, welcher 1988 von Autonomen besetzt war und von der Polizei nach Auseinandersetzungen geraeumt wurde.
Mehr Erinnerung hat Klaus Peter an diesen Tag nicht.
Fuer ihn, der dem Westen kritisch gegenueberstand, die DDR von links kritisieren und veraendern wollte und die Teilung Deutschlands fuer eine richtige Sache hielt, hatte dieser Tag keinen besonderen Stellenwert.
Wenn wir ehrlich sind, hat er das historische Ereignis verschlafen.
Sollte es ueberhaupt einen Ausgangspunkt fuer seine reflexartige Ablehnung Deutschlands geben, dann sind es diese Wochen 1989.
b.b.m.
Published: 2007/11/05Posted in: too old to die young

Echt in der U-Bahn Bullenstaat gerufen? Wow.
tut mir leid, aufregender wars leider nicht.
So war das gar nicht gemeint.
was man eben als jugendlicher so macht.
ich finds viel schlimmer, dass ich mich nach fast 20 jahren an solche banalitaeten erinnere. scheint nicht viel passiert zu sein inzwischen.
Ich finde das aber gerade in seiner Banalität spannend, auch wenn das paradox klingt. Die selbst erlebte Geschichte ist ja eben nicht so wie die später meist kolportierte.