‘Das ist nichts, wir koennen hingehen’.
Als Klaus Peter am Abend des 23. August 1992 in Rostock ankommt, waren der Mobilisierung nur sehr wenige Leute aus Berlin gefolgt. Bezeichnenderweise sind die meisten, welche sich auf die nur 2h Stunden Autobahnfahrt begeben hatten, um den vom Mob Bedraengten zu Hilfe zu kommen, nichtdeutscher Herkunft. Die ‘Kartoffelantifa’, wie Klaus Peters damaliger Bekannter A. sie gern titulierte, glaenzt durch Abwesenheit.
Entsprechend vorsichtig musste vorgangen werden, das semibuergerliche Sportswear-Outfit, welches Klaus Peter relativen Schutz vor Entdeckung bieten konnte, war fuer den grossen Teil der Angekommenden eben keine ausreichende Tarnung. Man rechnete damit, im Falle eines Zusammentreffens mit mehreren tausend Nazis selbst zum Ziel des Angriffes zu werden.
Darum hatten sich einige Antifas zunaechst an der Zentralen Aufnahmestelle ZAST in Lichtenhagen einen Ueberblick ueber die Lage am Ort der rassistischen Pogrome verschafft. Mit diesen Nachrichten versorgten sie nun die Wartenden in einem Jugendclub in der Naehe des Zentrums: ’20 schmeissen, 1000 gucken zu. Das ist Kindergarten. Wir koennen hingehen.’
Mit einigen lokalen Antifas wurde sich mit Autos in Richtung Lichtenhagen in Bewegung gesetzt. Dort angekommen, wird Klaus Peter aus einem Gebuesch heraus von einigen Gestalten angegriffen. Es waren andere Berliner Antifas, die ihn im Dunkeln fuer einen Nazi hielten und im letzten Moment erkannten.
Mittlerweile sind auch weitere Antirassisten, vornehmlich aus der Rostock, angekommen und zu Fuss geht es durchs Plattenbaugebiet in Richtung ZAST.
Dabei versteckten sich insbesondere die Angereisten immer wieder in Gruenanlagen oder unter Toreinfahrten, um nicht von den kreisenden Polizeihubschraubern entdeckt zu werden. Sehr zur Verwunderung der Rostocker Antirassisten, diese gaben an, eine Absprache mit der Polizei getroffen zu haben, um zur ZAST vorgelassen zu werden. Beim Bekanntwerden dieser Absprache verlaesst Klaus Peter und fast alle BerlinerInnen den Aufzug und setzen sich in die weitlaeufigen Hoefe des Plattenbaugebietes ab.
Der Rest des Aufzugs kommt tatsaechlich bis zur ZAST, an der sich zu diesem Zeitpunkt kaum Rassisten befinden, wird von zahlreichen Polizeikraeften eingekesselt und komplett verhaftet.
Klaus Peters Gruppe steht an einige Ecken weiter und wird unvermittelt von mehreren Rechten angesprochen und gewarnt, dass da vorn die ‘Zecken’ seien und man dieses Gebiet besser meiden solle.
Als diese ueber ihren Irrtum aufgeklaert werden, kommt Leben in die Platte. Eine aeltere Anwohnerin schreit aus dem Fenster, dass man doch die Jungen in Ruhe lassen solle und ihr Sohn auch ‘dabei sei’.
Ein Mann, Marke Blockwart, zeigte ebenfalls Zivilcourage und setzt sich lautstark zur Verteidigung der Nazis ein. Auf einem ca. 50 m entfernten Parkplatz sind Geraeusche einschlagender Steine zu hoeren. Offensichtlich wird dort eine Gruppe Nazis an ihren Autos aus dem Dunkeln heraus angegriffen.
Ein Porsche 911 ohne Scheiben mit Hamburger Kennzeichen rast durch die Strasse, panisch ergreifen die Herrenmenschen die Flucht. Nun rueckt allerdings auch die Ordnungsmacht an.
Klaus Peter zieht es vor, seinen Schaulustigen-Posten zu verlassen.
Auf dem Rueckweg gab es wiederrum beinahe einen Zusammenstoss mit Berliner Antifas.
Lichtenhagen war ausgesprochen schlecht beleuchtet und fast menschenleer. Man vermutete in jedem Passanten einen potentiellen Rassisten, was bei den Nicht-Antifas auch vermutlich der Fall gewesen ist.
So sind diese Fast-Zusammenstoesse zu erklaeren.
Selbst am damals als kulturelles Zentrum der Volksgemeinschaft fungierenden und spaeter von Antifaschisten niedergebrannten Imbiss ‘Happi, Happi bei Api’ herrschte gaehnende Leere. Ein Ort, der die Bezeichnung ‘Imbiss’ uebrigens kaum verdiente.
Mehr persoenliche antifaschistische Intervention war an diesem Abend in Ermangelung des Gegenparts gar nicht moeglich.
Am naechsten Tag war die Welt in Lichtenhagen wieder in deutscher Ordnung, die Bevoelkerung des Plattenbaugebiets zuendet die ZAST an und jagt die letzten Nichtdeutschen aus ihrem Kiez. Es folgen einige Tage Krawalle, welche sich in Ermangelung von Auslaendern dann gegen die Polizei richten.
Eine Woche spaeter demonstrierte ein breites Buendnis mit 15.000 Teilnehmern gegen Auslaenderfeindlichkeit in Rostock Lichtenhagen.
Eine politische Manifestation im Anschluss an die Pogrome und nach der ethnischen Saeuberung Lichtenhagens erscheint den reformistischen Teilen der Antifa und ihren buergerlichen Buendnispartnern, ein halbes Jahr nach den Auseinandersetzungen auf der Demo in Hoyerswerda, als angemessene Reaktion.
Klaus Peter nimmt an dieser Demonstration nicht teil und geraet einige Zeit spaeter mit einem Mitglied der Berliner Antifa Fuehrung aneinander, weil dieser die Demonstration und das antifaschistische Engagement fuer einen Erfolg haelt. Zur Begruendung gab er an, dass es der buergerlichen Presse nicht gelungen sei, negativ ueber die Antifa-Demo zu berichten. Diese blieb zu weiten Teilen auf dem Boden des Rechtsstaats und dem Niveau zivilgesellschaftlichen Engagements.
Klaus Peter vertrat die Ansicht, dass die damalige Antifabewegung waehrend des Pogroms in Lichtenhagen fast komplett untaetig war und versagt hat.
b.b.m.
Published: 2007/08/25Posted in: too old to die young
Sehr guter Text!
dankeschoen.
Warst du am Freitag bei der Veranstaltung? Dann sind wir uns wahrscheinlich mehr oder weniger unbewusst über den Weg gelaufen…
nein, war ich nicht.