bring back memories

Am 20. April 1991, also zu Hitlers 102. Geburtstag, hatten Nazis zu einem Aufmarsch in die saechsische Landeshaupstadt Dresden mobilisiert, um diesen Tag ihrer Meinung nach wuerdig zu begehen.
Dresden stand damals im Ruf der ‘Haupstadt der (braunen) Bewegung’, diesen verdankte sie nicht zuletzt ihrem ehrgeizigen Fuehrer Rainer Sonntag. Der hatte wegen aehnlicher Delikte bereits in der DDR in Haft gesessen und wurde vom Westen freigekauft, um sich dort als verdeckter Ermittler der Kripo zu betaetigen. Nach der Wiedervereinigung baute er die Nazi-Bewegung in Dresden massgeblich auf.
In massloser Selbstueberschaetzung des Herrenmenschen beging Sonntag allerdings den taktischen Fehler, sich mit der oertlichen Rotlichtszene anzulegen. Diese fackelte nicht lange und liess den selbsternannten Saeuberer des Vaterlandes am 1. Juni 1991 mittels einer abgesaegten Schrottflinte aus dem Weg und nach Walhalla befoerdern.
Fuer die damalige Zeit und besonders fuer Dresden unueblich hatte eine oertliche Initiative zum Protest gegen den Naziaufmarsch und zu einer Gegendemo aufgerufen. In der Neustadt, einem damals stark sanierungsbeduerftigen Gebiet Dresdens – bausubstanziell vergleichbar mit Leipzig Connewitz oder einigen Strassenzuegen Friedrichshains – gab es einige besetzte Haeuser, dort wohnte alternative Bevoelkerung. Allerdings gab es keinen ernsthaften antifaschistischen Widerstand in der braunen Hauptstadt, die Nazis beherrschten die Strassen, auch in der linken Neustadt.
Die Ungewoehnlichkeit und Erstmaligkeit des Ansinnens der Dresdner Linken, sich dem Nazimarsch entgegenzustellen, mobilisierte bundesweit Antifa- und Autonomengruppen. Auch Klaus Peters Bezugsgruppe entschloss sich zu einer Expedition nach Elbflorenz.
Das Welten aufeinanderprallten, sollte sich bereits im ersten Plenum am Abend vor der Demo in Dresden zeigen. Ein Berliner Frauengruppe wollte das Buendnis verlassen, es kam zum Eklat ob der sexistischen Sprachweise der Dresdner Antifamaenner. Diese befanden sich allerdings bereits zu diesem Zeitpunkt und noch vor Eintreffen des Hauptteils der Berliner Gruppen schon klar in der Minderheit.
Ihre gutgemeinten Ratschlaege: ‘Keine Bewaffnung auf die Demo mitnehmen’, ‘Nicht mit den Bullen anlegen’ oder gar ‘Keine Nazis angreifen’ sorgten allenfalls fuer Erheiterung der Plenumsrunde. In dieser Nacht gab es bereits erste Zusammentreffen mit der oertlichen Naziszene und die Dresdner Kameraden machten die ersten persoenlichen Erfahrungen mit dem veraenderten Kraefteverhaeltnis.
Die Antifademo, welche sich am naechsten Morgen in Richtung Innenstadt in Bewegung setzte, unterschied stark von heutigen Demos, zumindest aus heutiger Sicht.
Es gab einen kleinen Versuch einer Vorkontrolle, welcher allerdings von den geschlossen anrueckenden etwa 200 Berlinern und Berlinerinnen unterbunden wurde.
Kurz nachdem sich die Antifademo in Bewegung setzte, traten Nazis in Erscheinung, was es heute in dieser Form vermutlich auch nicht mehr geben duerfte. Diese provozierten einzeln (!) in nur wenigen Metern Entfernung die Antifademo durch entsprechende Rufe oder Hitlergruesse. Der Berliner Block , nennen wir es mal so, obwohl es eigentlich eher ein groesseres Familientreffen war, befand sich am Ende der Demo und attackierte diese Nazis. Fuer das damalige Dresden war das offensichtlich ein ungewoehnlicher Vorgang, so bestaetigten das zumindest oertliche Antifas nach der Demo.
Dieses Aggressionsverhalten kontraer zu den oertlichen Gewohnheiten hatte zur Folge, dass die Dresdner Polizei den halbherzigen Versuch unternahm, den Berliner Block einzukesseln und zumindest mit Spalier laufen zu lassen. Halbherzig war dieser Versuch nicht etwa in einer Deskalationsstrategie, sondern in kompletter Unfaehigkeit begruendet.
Was sie ausserdem nicht wissen konnte und nun allerdings schnell erfahren sollte: es gab unter den BerlinerInnen eine Absprache, nicht in einem Bullenkessel zu laufen. Dieser haette ein erfolgversprechendes Intervenieren gegen den Naziaufmarsch unmoeglich gemacht.
Auf ein Signal hin verliess der gesamte Berliner Block die Demonstration und liess gleichermassen ueberraschte Polizei und Dresdner Demonstranten unter sich.
Im Laufschritt wurde nun versucht, die Innenstadt zu erreichen. Allerdings hatte niemand damit gerechnet, dass das bayrische USK sich ebenfalls in der Stadt befand und zur Hilfe gegen die auschwaermende Antifa gerufen wurde. Dieses begab sich nun auf die Jagd auf diese und schnitt den Weg in die Innenstadt ab, so dass nur der Rueckweg in die Neustadt uebrig blieb.
Kurz vor Erreichen dieser wurde der Rest der Berliner Ex-Demonstranten von einer USK-Hundertschaft abgefangen und angegriffen. Klaus Peter und seine Bezugsgruppe bevorzugten damals ein Outfit, welches gern als ‘Kirchentagsbesucher’ oder ‘Muttis Liebling’ bezeichnet wurde. Diese nutzte man aus und konnte der Polizei entkommen. Andere BerlinerInnen fluechteten sich allerdings in ein besetztes Haus, da sie dieses fuer sicher hielten. Dieses war aber komplett ungesichert und wurde augenblicklich von der Polizei geraeumt. Alle im Haus angetroffenen wurden verhaftet, bis auf eine Person, welche sich trotz durchsuchender Polizei mehrere Stunden unter einem Schreibtisch versteckte.
Die Antifademo konnte uebrigens in die Naehe der Nazis vorruecken, die Polizei musste den Naziaufmarsch daraufhin abbrechen.
Klaus Peter war bis etwa Mitte der 90er aus persoenlichen Gruenden sehr haeufig in Dresden.
Das geraeumte Haus wurde kurze Zeit spaeter wieder besetzt und ist heute eines der ueblichen Projekte in der alternativen Neustadt.
Nach dem Tod Rainer Sonntags wurde es ruhiger um die ‘Hauptstadt der Bewegung’.

Post to Twitter Tweet This Post